Ein Interview mit BVI-Präsident Thomas Meier und Prof. Dr. Stephan Bauer

Ausbildung in der Immobilienbranche

Jahrelang kämpften Unternehmen der Immobilienwirtschaft mit Fachkräftemangel. Nun, nachdem sich die Branche in der Krise als weitgehend stabil erwiesen hat, besteht eine realistische Chance auf viele motivierte Job-Suchende, die entsprechend ausgebildet werden wollen und müssen.

Als bewährte Ausbildungsform haben sich die Studiengänge für Immobilienwirtschaft an der Hochschule für angewandtes Management erwiesen. Das BVI-Magazin sprach darum mit Prof. Dr. Stephan Bauer, Studiengangsleiter an der HAM sowie BVI-Präsident Thomas Meier über die heutigen Anforderungen an Immobilienverwalter, die Entwicklung der Studiengänge und die Möglichkeit, Mitarbeiter mit einem berufsbegleitenden Studium nachhaltig an ein Unternehmen zu binden.

BVI-Magazin: Nun gibt es bereits seit vier Semestern die Studiengänge für Immobilienwirtschaft an der HAM: Wie ist Ihr erstes Resümee?

Prof. Dr. Bauer: Der Bachelorstudiengang Betriebswirtschaftslehre mit Branchenfokus Immobilienwirtschaft wird im Wintersemester 2020/21 zum dritten Mal angeboten (Beginn im September). Die laufenden Kurse befinden sich aktuell im 2. und 4. Semester. Den ersten Kurs haben wir mit nur wenigen Teilnehmern gestartet, beim zweiten Kurs hatten wir dann einen starken Anstieg zu verzeichnen. Die bereits erfolgten Anmeldungen für den Kursstart im Wintersemester sind vielversprechend und wir erwarten einen weiteren Anstieg.

Der Masterstudiengang wurde bisher einmal durchgeführt, er ist inzwischen abgeschlossen und wir haben die ersten Absolventen verabschiedet. Im Wintersemester werden wir den Master erneut anbieten.

Meier: Es handelt sich dabei um einen semi-virtuellen Studiengang. Der Student steht seinem Unternehmen damit optimal zur Verfügung, im Gegensatz zu anderen berufsbegleitenden Studiengängen, bei denen die Mitarbeiter entweder ganztägig oder sogar zwei bis drei Tage die Woche ausfallen. Am Bachelorstudiengang sehen wir, dass wir die Zeichen der Zeit richtig erkannt haben und wir erwarten eine weitere positive Entwicklung der Studierendenzahlen - gerade im Hinblick auf die sich entwickelnde und sich verändernde Weiterbildungslandschaft im Zuge der Digitalisierung.

Prof. Dr. Bauer: Der auf sieben Semester ausgelegte Bachelorstudiengang und der dreisemestrige Masterstudiengang umfassen sowohl eine allgemeine betriebswirtschaftliche als auch eine spezielle immobilienwirtschaftliche Komponente. Die Branchenschwerpunkte der Immobilienwirtschaft sind speziell auf das Anforderungsprofil professioneller Immobilienverwaltungen ausgerichtet. Durch die Kooperation mit dem BVI war es uns möglich, für die Fächer der Immobilienwirtschaft auch Profis aus der Praxis als Dozenten zu gewinnen. Somit konnten wir Lehre und Praxis ideal miteinander verknüpfen, was bei unseren Studierenden sehr gut ankommt.

BVI-Magazin: Welches Feedback zu den Studiengängen gab und gibt es seitens der Immobilienwirtschaft?

Prof. Dr. Bauer: Als die neuen Studiengänge erstmals angeboten wurden, waren diese bei vielen Unternehmen noch nicht bekannt. Dies änderte sich zunehmend. Unternehmen schätzen inzwischen sowohl das Studienmodell unserer Hochschule, welches Arbeiten und Studieren in idealer Weise miteinander kombinieren lässt, als auch die praxisorientierte Ausrichtung des Studiums.

Meier: Viele fragen sich, welchen Schritt sie nach der Ausbildung zum Immobilienkaufmann/zur Immobilienkauffrau gehen sollen. Die Studiengänge füllen hier eine Lücke und schaffen sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer eine Win-Win-Situation. Wir haben zum Beispiel vor kurzem eine junge Dame eingestellt, die die Ausbildung zur Immobilienkauffrau absolviert hat und nun mit einem Bachelorstudium an der HAM beginnt. Sie kann damit neben dem Sammeln von Berufserfahrung und Geldverdienen tatsächlich studieren. Und wir freuen uns im Gegenzug über eine top-ausgebildete Mitarbeiterin.

BVI-Magazin: Das duale Studienmodell basiert ja auf der Zusammenarbeit von Arbeitgeber und Hochschule: Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Prof. Dr. Bauer: Die Studierenden sind bzw. werden in einem Unternehmen beschäftigt und in ihrer beruflichen Entwicklung unterstützt. Das Unternehmen übernimmt ganz oder teilweise die Studiengebühren und stellt die Studierenden für die Präsenzphasen und Prüfungen frei. Gerne stimmen wir uns mit dem Unternehmen ab, beispielsweise in Fragen der Personalentwicklung oder der Findung eines firmenrelevanten Themas für die Bachelor- bzw. Masterarbeit.

BVI-Magazin: Welche Vorteile gibt es für Arbeitgeber, Ihren Mitarbeitern das Studium der Immobilienwirtschaft zu ermöglichen?

Meier: Lebenslanges Lernen bleibt zwingend Voraussetzung um nicht auf der Stelle zu treten. Durch den sehr, sehr hohen Praxisbezug des Studiums erhalten Studierende eine Ausbildung nahe an der Realität. Dieses Know-how bringen die Mitarbeiter dann mit in ihr Unternehmen.

Prof. Dr. Bauer: Die Anforderungen an professionelle Immobilienverwaltungen nehmen stetig zu. Der Bedarf an qualifizierten Nachwuchs-, Fach- und Führungskräften steigt somit. Durch das in der Praxis beliebte semivirtuelle Studienmodell der HAM sind die Studierenden ca. 40 Wochen pro Jahr im Unternehmen einsetzbar.

Meier: Das Studium bietet Arbeitgebern außerdem eine wunderbare Möglichkeit, die Mitarbeiter zu motivieren und zumindest mittelfristig zu binden, denn sie haben die Chance, neben dem Beruf eine akademische Ausbildung zu absolvieren.

Zugleich wird mit dem Studium ein breiter gedachter Zugang zur Immobilienwirtschaft geboten. So können die Bau- und die Immobilienwirtschaft miteinander verknüpft werden, weil im Studium die gesamte Wertschöpfungskette zu Ende gedacht wird. Ein Beispiel ist die Frage, wie sich die künftige E-Mobilität entwickeln wird? Als Unternehmen der Immobilienwirtschaft muss ich jetzt schon berücksichtigen, dass ich E-Mobilität künftig umsetzen kann, z.B. bei der Planung von Leitungen oder Steckdosen. Das Studium vermittelt Know-how rund um die Frage: Wenn ich heute eine Immobilie plane oder baue, wie wird diese künftig genutzt und welche Konzepte muss ich umsetzen?

Im Studium sind zudem unterschiedliche Branchen und Köpfe zusammengebracht. Von diesem Netzwerk der studierenden Mitarbeiter profitiert jeder Arbeitgeber.

BVI-Magazin: Wie sehen Sie die Chancen für Absolventen der Immobilienwirtschafts-Studiengänge?

Prof. Dr. Bauer: Die Immobilienwirtschaft ist für die deutsche Volkswirtschaft von großer Bedeutung. Mit knapp 833.000 Unternehmen und rund 3,3 Millionen Erwerbstätigen zählt sie zu den größten Wirtschaftszweigen Deutschlands. Mit über 600 Milliarden Euro trug die Immobilienwirtschaft im Jahr 2019 19 Prozent zur gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland bei. Die Branche wird, unabhängig von Corona, weiter wachsen.

Meier: Personen, die in der Immobilienwirtschaft gut ausgebildet sind, haben hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nun hat sich zudem gezeigt, dass die Immobilienwirtschaft eine der stabilsten Branchen ist, denn sie hat von der Corona-Krise nur wenig mitbekommen. Die Anforderungen an Immobilienverwalter steigen jedoch: Sie müssen breit und tief ausgebildet werden und dafür muss bei der Ausbildung der Netzwerkgedanke in den Vordergrund gestellt werden.

BVI-Magazin: Herr Prof. Dr. Bauer, wie hat die HAM auf die Corona-Krise reagiert?

Prof. Dr. Bauer: Als im März die Corona-bedingten Einschränkungen in Deutschland begannen, führte dies an den meisten Hochschulen zu großen Problemen. An der HAM lief der Vorlesungsbetrieb dagegen reibungslos weiter. Aufgrund unserer Erfahrungen als semivirtuelle Hochschule konnten wir „von heute auf morgen“ auf die virtuelle Durchführung der Veranstaltungen umstellen. Bei unseren Studierenden kam das übrigens sehr gut an.

Aufgrund der positiven Erfahrungen mit der Durchführung der Veranstaltungen in virtueller Form haben wir das Studienmodell der HAM geändert. Künftig werden wir die Präsenzphasen an der Hochschule reduzieren. Die Vor- und Nachbereitung der Präsenzphasen wird virtuell stattfinden. Die Präsenzphasen selbst können dann noch praxisorientierter ablaufen. Dies ist ein großer Vorteil für unsere Studierenden, da die hohe Qualität des Studiums so erhalten bleibt und sich für unsere Teilnehmer, die aus dem ganzen Bundesgebiet kommen, Anreisen und Übernachtungen dadurch reduzieren lassen.

BVI-Magazin: Herr Meier, warum würden Sie zu einer Ausbildung/zu einem Studium der Immobilienwirtschaft raten?

Meier: Nur wenige Berufe sind so abwechslungsreich, wie jener des Immobilienverwalters. Zu den Aufgaben gehören die Planung und Betreuung von Sanierungs- oder Modernisierungsprojekten, die Aufstellung von Finanzierungsplänen, Investitions- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die Aufbereitung von Mietverträgen und vieles, vieles mehr. Jeden Tag bewältigt man neue Herausforderungen, die für einen vielseitigen Berufsalltag sorgen. Zugleich sind Jobchancen und Verdienstmöglichkeiten für Immobilienverwalter außerordentlich gut, da die Verwaltungsbranche in den letzten Jahren mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen hatte. Während der Corona-Krise hat sich zudem die Immobilienbranche als verhältnismäßig stabil erwiesen. Der Beruf des Immobilienverwalters kann daher als „sicher“ bezeichnet werden.

Nicht zuletzt ist die Branche geprägt von einem herzlichen Miteinander. Dies zeigt sich immer wieder bei unseren Verwaltertagen, bei denen sich Verwalter aus ganz Deutschland vernetzen und austauschen.

BVI-Magazin: Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht für eine fundierte Ausbildung in der Immobilienverwaltung?

Prof. Dr. Bauer: Die Bedeutung des professionellen Immobilienverwalters innerhalb der Branche wird künftig, unabhängig von Corona, weiter zunehmen. Für Thomas Meier und mich war es deshalb ganz klar, dass wir uns bei der Ausrichtung der Studiengänge ausschließlich auf die Zielgruppe der Immobilienverwaltungen konzentrieren würden.

Meier: Der Verwalter muss für die qualitätsvolle Ausübung seines Berufes über umfassende technische, rechtliche und wirtschaftliche Kenntnisse verfügen. Zugleich verwaltet er meist große Summen an Fremdkapital. Außerdem werden mit dem geplanten Wohnungseigentumsmodernisierungsgesetz die Pflichten und Kompetenzen des Verwalters sogar erweitert. Im Moment besteht jedoch nur die Regelung, dass sich Verwalter in 20 Stunden innerhalb von drei Jahren weiterbilden müssen. Diese Weiterbildungsstunden können aber eine fundierte Ausbildung nicht ersetzen. Wir setzen uns darum vehement für einen gesetzlich verpflichtenden Sach- und Fachkundenachweis für Immobilienverwalter ein. Mit einer fundierten Ausbildung, wie dem Studiengang der Immobilienwirtschaft an der HAM, erlangen Immobilienverwalter jene Kenntnisse, die wir gerne in diesem Sachkundenachweis verbrieft sehen würden.

Das Interview führte Verena Leonhardt.

Informationen zur Bewerbung sind unter https://www.fham.de/studiengaenge/bachelor/immobilienwirtschaft/ zu finden.

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