Rechtzeitig richtig handeln

Burn-out – neumodische Erscheinung oder ernst zu nehmende Erkrankung?

Diese Frage haben sich viele ganz gewiss schon oft gestellt, auch weil das Thema immer mehr Beachtung in den Medien findet. Doch so ganz klar scheint die Antwort nicht zu sein, zumindest wenn man sich das Ergebnis der Umfrage der Herbsttagung des BVI-Landesverbandes West am 15. und 16. September 2022 in Essen anschaut.

Doch nicht nur die Bedeutung von Burn-out braucht eine differenzierte Betrachtung, auch wie Arbeitgeber damit umgehen, ist oft unterschiedlich. Für die Herbsttagung hatten wir uns deshalb entschieden, dem Thema Burn-out in der Immobilienverwaltung Raum zu geben.

Täglich wachsen die Aufgaben einer Immobilienverwaltung, aber aufgrund des Fachkräftemangels wächst nicht in gleichem Maße die Zahl der Mitarbeiter. Überlastung bei Vorgesetzten und Mitarbeitern können die Folge sein. Corona und die dadurch entfallenen Versammlungen der Wohnungseigentümergemeinschaften in Präsenz, die nun innerhalb kurzer Zeit nachgeholt werden müssen, haben zu einem Aufgabenstau geführt, der sich nur mühsam abar-beiten lässt. Zusätzlich gehört die kontinuierliche Präsenz in vielen Kommunikationskanälen heute zum Arbeitsalltag. Hinzu kommen viele neue Gesetze und politische Krisen – mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Immobilienverwaltung –, die zu besonderen Herausforderungen führen.

Prävention als erstes Gebot

Was kann ich tun, um Anzeichen von Überlastung präventiv zu begegnen? Stefanie Manteuffel, geschäftsführende Inhaberin der City Immobilien GmbH & Co. KG in Wuppertal, widmete sich in ihrem Vortrag ausführlich diesem Thema – ganz nach dem Motto „Burn-out in aller Ohren, jedoch nur bei den jüngeren Generationen in aller Munde“. Sie sprach damit den ersten Schritt zur Prävention an, nämlich das Enttabuisieren und das gesellschaftliche Anerkennen dieser psychischen Erkrankung.

Arbeitsüberlastung mit eventuell psychischen Konsequenzen gab es auch in früheren Zeiten, jedoch wurde nicht darüber gesprochen. Überkommene Wertestrukturen der Gesellschaft straften Betroffene als minderwertig – weil nicht belastbar. Diese versuchten deshalb ihre Erkrankung möglichst geheim zu halten. Gleiches galt dementsprechend auch für die Prävention und das Erkennen von Symptomen. Umso wichtiger, machte Stefanie Manteuffel deutlich, ist es, „den Menschen und nicht ausschließlich seine Sach- und Arbeitsleistung in den Vordergrund zu stellen.“ Und das beginnt mit Wertschätzung.

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Unbestritten hat der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht. Wünschenswert ist zudem, dass Kollegen aufeinander achten: Wie sieht mein Kollege in gutem Zustand aus? Wie ist sein Verhalten? Körperliche Veränderungen sind bei guter Beobachtung früher wahrnehmbar als Veränderungen im Verhalten und in der Arbeitsleistung. Denn Überlastung und einen möglichen Burn-out kann man meist erst spät anhand mangelhafter Sacharbeit erkennen, dagegen schon meist früher, wenn man auf die Signale des Gegenübers achtet. So können Augenringe, leere Augen, blasse oder fahle Haut, Stressflecken, Rötungen oder extremes Schwitzen auf eine Überlastung oder mögliche Erkrankung hin-weisen. Auffällig sind auch eine ungepflegte Erscheinung, Nägelkauen oder eine veränderte Körperhaltung, wie eingezogene Schultern oder ein hängender Kopf. Aber auch Klagen über Magenschmerzen, Kopfweh oder Herzrasen können ein Anzeichen sein. Tatsächlich gibt es nicht „das“ Überlastungs- oder Burn-out-Symptom, sondern es sind verschiedenste Kombinationen, die sich über einen längeren Zeitraum beobachten lassen.

Nun fragt sich der Ungeübte, wie zu reagieren ist, wenn er solche Veränderungen bemerkt. Auch hier scheiden sich die Geister, wie unsere Umfrage zeigt. Die angegriffene psychische Gesundheit sollte selbstverständlich ärztlich behandelt werden. Ein zusätzlich wirksames Werkzeug ist die „Mental Health First Aid“. Anschaulich wird dies durch ein Beispiel aus Stefanie Manteuffels Vortrag: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen an einem Verunglückten vorbei. Jetzt können Sie den Arzt rufen – und nichts Weiteres veranlassen. Oder Sie bringen den Betroffenen in die stabile Seitenlage, um danach ärztliche Hilfe herbeizurufen.“

Psyche in stabiler Seitenlage

Wie sieht eine solche stabile Seitenlage der Psyche aus? Schließlich sind wir nicht alle geschulte Psychologen. Der erste Schritt kann ein Gesprächsangebot sein. Es sollte rücksichtsvoll, wertschätzend und in geschütztem Raum stattfinden. Die sogenannte gewaltfreie Kommunikation bietet verschiedene Techniken an. Hilfreich für den Fragenden ist, Ich-Botschaften zu senden. Allein mit dem Betroffenen, könnte eine Gesprächseröffnung so aussehen: „Mir ist aufgefallen …“, „Ich habe wahrgenommen …“ Danach folgt zum Beispiel die Frage an den Gesprächspartner: „Möchten Sie, dass wir reden?“

Tatsächlich wünschen sich neun von zehn Betroffenen, dass sie angesprochen werden, weil sie selbst nicht den Mut finden, das Gespräch zu suchen. Hilfe bieten Krankenkassen mit Beratung zur „Mental Health First Aid“.

Ganz am Anfang steht also, eine mögliche Überlastung bewertungsfrei zu kommunizieren und nicht als menschliche Schwäche zu deuten. Kommt es zum Burn-out, muss er als Erkrankung behandelt werden. Informationen zur Prävention, sorgsamer Umgang mit Arbeitszeiten sowie das Gespräch von Betroffenen mit Mitarbeitern und Vorgesetzten sind deshalb besonders wichtig.

Martina Schinke
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MARTINA SCHINKE ist Immobilienkauffrau, Landesvorsitzende des BVI West und zertifizierte Business Trainerin und Mastercoach (DVNLP) & Live Online
Trainerin (IHK).

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