Peter Patt kommentiert

Die Kommune 1 – retrospektiv betrachtet

Die Kommune 1 war die erste politisch motivierte Wohngemeinschaft in der modernen Welt, also seit dem dekadenten Untergang des römischen Reiches und der attischen demos cratos. Sie wurde am 1. November 1993 in Maastricht gegründet und löste sich im November 2016 auf.

Die Kommune 1 entstand als Gegenreaktion auf die politischen Verhältnisse und den Zeitgeist im Europa der 1990er Jahre, gegen die konservativen Vorstellungen von Ordnung und Regelwerk, wie sie insbesondere infolge der deutschen Wiedervereinigung in Europa Einzug zu nehmen drohten. Sie war gedacht als Gegenmodell zur bürgerlichen Staatenfamilie mit einem einheitlichen Wirtschafts-, Finanz- und sozialen Ordnungsrahmen. Angesichts der losen Umgangsnormen war die Kommune 1 wohl bewusst auf Zeit angelegt; die Forschungen zu den Motivationen der Gründer dauern noch an. Sie wurde umgangssprachlich auch als „EU – erwartungsgemäß unregierbar“ bezeichnet.

Ein Teil der K1/EU wurde zwar wegen Verfassens eines „anarchistischen“ Flugblattes (das sogenannte „griechische Memorandum“) aus dem deutschen Parlament geworfen, sie war aber eher situationistisch/hedonistisch geprägt.

Mitglieder der Südeuropäischen Aktion und des Pariser SDS überlegten, wie man sich von den als spießig und kleinbürgerlich empfundenen Lebensentwürfen des vornehmlich nordischen Ideals lösen könne. So entstand die Idee, eine Kommune zu gründen. Man beschloss, ein Leben der leidenschaftlich an sich selbst Interessierten zu versuchen. Die Führung zog bald nach Brüssel. Dort gab es im SDS einen ersten Kommune-Arbeitskreis, der folgende Ideen verfolgte:

  • Aus der Ordnung entsteht der Faschismus. Sie ist die kleinste Zelle des Staates, aus deren unterdrückerischem Charakter sich alle Institutionen ableiten.
  • Nachbarn leben in Abhängigkeit voneinander, sodass keiner von beiden sich frei zum Menschen entwickeln kann.
    Diese Zelle musste zerschlagen werden. Als dann diese Theorie in die Praxis eines Lebens als „Kommune“ umgesetzt werden sollte, sprangen viele auf, die ihre Freiheiten nicht aufgeben und bessere Verhältnisse übernehmen wollten.

Irgendwann hatte sich die Energie der K1 verbraucht. Die südlichen Mitglieder gerieten immer mehr in die Abhängigkeit von rauschgiftartigen Finanzprodukten. Der zweite Kommunarde wurde vor die Tür gesetzt (der erste fiel 2015 von selber, alle anderen, so heißt es, gingen von allein). Im November 2016 wurden die Verbliebenen überfallen und die Räume verwüstet. Das ließ die Verbliebenen den Glauben an die Zukunft der Kommune 1 verlieren und sie auflösen.

(frei nach anarchopedia.org)

So ähnlich möchten wir uns eine in diesem Sinne moderne Wohnungseigentümergemeinschaft vorstellen: die freie Liebe überlagert Grundordnungen, finanzielle Verpflichtungen sind interpretierbar, Transfers sind als üblich vom Verwalter zu kalkulieren, Sirtaki-Partys verdrängen Ruhezeiten, Banken und Brüssel sind per se schuldig zu machen, Subsidiarität und Eigenverantwortung werden unbedeutend, Geld fällt vom Olymp – Paradeisos auf Erden.

Nein, liebe Kollegen, ohne festes Regelwerk werden aus Freunden und Nachbarn dann Gläubiger und Schuldner. Und am Ende bricht alles auseinander, was beständige Grundlage für Zusammenleben und Verwaltung sein kann. Ein Hoch auf die Errungenschaften von Teilungserklärung und Gemeinschaftsordnung, ein Hoch auf funktionierendes Sonder- und Teileigentum, ein Hoch auf Verantwortungsgemeinschaft und die Führung durch Fachverwalter im BVI!

Peter Patt
peter.patt@bvi-verwalter.de

 

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