Viel Krach um Lärm

Schwieriger Interessensausgleich zwischen Lärmverursachern und Betroffenen

Die Umgebungslärmrichtlinie der Europäischen Gemeinschaft und die Bundesimmissionsschutzverordnung verfolgen das Ziel, die Belastung durch Umgebungslärm einheitlich zu erfassen sowie schädliche Auswirkungen durch Lärm zu verhindern, ihnen vorzubeugen oder sie zu mindern. Das Ringen um einen verträglichen Umgebungslärm treibt in den europäischen Ländern mittlerweile oft eigenartige Blüten.

Meine Mitarbeiterin kann es nicht leiden, wenn jemand Papier zerreißt. Wenn sie das schon stört, hat sie aber noch nicht den morgendlichen Trockenrasierer direkt am Ohr gehabt. Und erstaunlich, die Rasenmäher und Laubbläser machen ihr nicht so viel aus. Kaum hat der eine in unserem Wohn- und Bürokarree seine Arbeit beendet, geht es an der nächsten Stelle los. Dazwischen kläffen die am Supermarkt angeleinten Hunde und übertönen noch den Rasentrimmer. Lärm ist subjektiv. Den einen stört nachts die Katze, die Motorsense am Tag macht ihm nichts. Ein anderer klagt gegen die Kita mit Kindern auf polternden Bobbycars, die eigentlich Zukunftsmusik sind. Mancher fährt täglich vor Fernweh zum Flughafen und schaut den Flugzeugen hinterher, andere demonstrieren gegen eine Landebahn, die aber ihren Arbeitsplatz sichert.

Die Europäische Union wird bald die Ergebnisse der Lärmkartierungen vorstellen, zu der sie ihre Mitgliedsländer verpflichtet hat. Das wir weitere Milliardeninvestitionen in Lärmschutzmaßnahmen nach sich ziehen, Ausgaben, die die benötigte Infrastruktur immer stärker behindern. Warum ziehen die Menschen in die Städte, um den Puls der Zeit zu fühlen, wenn sie sich andererseits nach der Ruhe des Landes sehnen?

Die stille Dienstleistungsgesellschaft

Der Stellenwert von Arbeit verändert sich. Wurde Deutschland wirtschaftlich erfolgreich durch seine Industrie, dominieren heute die stillen Gewerbe. Laute Betriebe werden aus angestammten Lagen in Gewerbegebiete gedrängt, die um die Unternehmen herum gewachsenen Wohnnutzungen be- und verhindern heute Produktionsfirmen. Freizeit vor Arbeit, Ruhe statt Lärm – das sind die Merkmale auch einer demographisch alternden Bevölkerung. Für 13 Millionen Deutsche gilt Lärm als potenzielle Gesundheitsgefahr. Die Kosten von Lärmschutzmaßnahmen sind gewaltig, Klagewellen behindern den Infrastrukturausbau, Straßenbahntrassen und Flughäfen kapitulieren vor den Ruhewünschen der Bewohner.

Und trotzdem ziehen immer mehr Menschen in die Städte, suchen das lebendige Treiben, die aufregenden Feste. Dafür bauen sie dann Wohnungen und Häuser so eng beieinander, dass man am Essen und Trinken der Nachbarn unmittelbar teilnimmt, zumindest geräuschseitig. Die Individualisierung unseres Lebens führt dazu, dass jeder für seinen noch so kleinen Garten hinterm Haus Rasenmäher und Laubsauger und Rasentrimmer und Heckenschere hat. Ohrenbetäubender Krach macht sich werktags von Seiten der beschäftigten Hausmeisterdienste bemerkbar und dann am Wochenende von den Hobbyisten. Ist der eine fertig, geht es beim nächsten los. Lärmgedämmte Geräte wären zu haben, aber die meisten sparen sich solche Ausgaben, jedenfalls solange sich die Gemeinden um die Einhaltung der Bundesimmisionsschutzverordnung nicht kümmern. Nach dieser dürfen elektrische Geräte an Werktagen von 7–20 Uhr und besonders lautstarke Geräte nur von 9–13 und 15–17 Uhr eingesetzt werden.

Alte Rücksichtnahme statt neuer Regelungen

Wann kommt also der erste Fachanwalt für Immissionsrecht? Wann gibt es lärmgesteuerte Abschalteinrichtungen an Rasenmähern und Laubbläsern? Sollten wir wieder aufs ruhige Land zurück ziehen, wenn es dort Breitbandanschluss gibt? Oder könnte uns Erziehung wieder mehr Rücksichtnahme beibringen? Mit mehr Sensibilität für den Mitbewohner wäre schon viel geholfen. Was unter Hausbewohnern gilt, sollte auch für Nachbarn und Hausmeister gelten: Lärm ist zu vermeiden! Und ich lobe mir den Urlaub am Meer, denn Sand muss man nicht mähen.

Peter Patt
peter.patt@bvi-verwalter.de

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