Sicheres Hochfahren nach Corona

Trinkwasserhygiene

Nach und nach werden auch die letzten Restaurants, Geschäfte, Fitnessstudios, Bars und Hotels wieder geöffnet. Zum Teil standen sie lange still bzw. leer. Für viele Schulen geht der reguläre Betrieb sogar erst wieder im Herbst los. Aufgrund dieser langen Leerzeiten befindet sich die mikrobielle Situation von Trinkwasser-Installationen in einem besonders sensiblen Zustand. Was man beachten muss, hat der Deutsche Verein der qualifizierten Sachverständigen für Trinkwasserhygiene e.V. (DVQST) zusammengefasst.

Die Vorbereitung

Je nach Handhabung während der Betriebsunterbrechung gibt es zur Wiederaufnahme des Betriebes verschiedene Vorgehensweisen. Im Vorfeld könnte der verantwortliche Betreiber aus der Not eine Tugend machen, indem er vor der Öffnung die ohnehin regelmäßig anfallenden Instandhaltungs- oder Wartungsarbeiten in der Trinkwasser-Installation durchführen lässt.

Vor der Wieder-Inbetriebnahme sollte zumindest der Filter am Hauswassereingang rückgespült und an eventuell vorhandenen Enthärtungsanlagen am Ionentauscher eine manuelle Regeneration durchgeführt werden. Auch eventuell vorhandene Spülstationen sollten kontrolliert werden.

Auch die Peripherie darf nicht vergessen werden. Nach Stillstand und daran anschließender Spülung bzw. Nutzung werden durch sich verändernde Strömungsverhältnisse in den Wasserleitungen Ablagerungen, Schlacken und auch Biofilm gelöst und weitertransportiert. Diese können dann Feinsiebe, Eckventile, Rückflussverhinderer oder Verbrühschutz-Vorrichtungen an Waschbecken und Duschen belegen und verstopfen, was zu Fehlfunktionen und verstärkter Keimbelastung führen kann. Es empfiehlt sich daher, Feinsiebe und Duschschläuche zu entfernen bzw. zu reinigen und eine Funktionsprüfung von Eckventilen, Rückflussverhinderern in Armaturen und Verbrühschutz-Thermostaten durchzuführen.

Ebenfalls sollten Filter und Wasserbehandlungseinheiten z.B. in leitungsgebundenen Kaffeemaschinen oder Trinkwasserspendern überprüft werden. Häufig müssen diese in regelmäßigen Abständen und nach längeren Stillstandszeiten gewechselt werden. Hierzu sind die Vorgaben der Hersteller zu beachten.

Wurde die Trinkwasser-Installation während der Betriebsunterbrechung weiterhin gespült?

In diesem Fall ist unter Berücksichtigung des geänderten Nutzungsverhaltens weiterhin der bestimmungsgemäße Betrieb zu simulieren.

Wurde während der Stilllegung die Trinkwassererwärmung abgeschaltet?

Damit die Wassertemperatur während der Aufheizphase möglichst schnell die erforderliche Temperatur von 60 °C erreicht, sollte zunächst nur der Trinkwassererwärmer vollständig aufgeheizt werden. Erst im zweiten Schritt wird die Zirkulationspumpe zugeschalten, bis am Zirkulationsrücklauf vor dem Wiedereintritt in den Trinkwassererwärmer die vorgeschriebene Temperatur von mindestens 55 °C beträgt.

Bei großen und weitläufigen Anlagen mit vielen Steigsträngen empfiehlt es sich, die Temperaturen an jeder der rückführenden Zirkulationsleitungen, also vor der Zusammenführung in die Sammelleitung, zu kontrollieren. Bei dieser Gelegenheit kann der Fachmann auch feststellen, ob noch alle Zirkulationsregulierventile korrekt arbeiten und dadurch den für die Trinkwasserhygiene so wichtigen hydraulischen Abgleich überprüfen.

Erst im Anschluss daran wird – im Rahmen des im Folgenden beschriebenen Spülprozesses – das Warmwasser an die einzelnen Entnahmestellen geführt und unter Berücksichtigung der erforderlichen Gleichzeitigkeiten so lange aufgedreht, bis das austretende Wasser spürbar heiß ist (Temperaturkonstanz; mindestens 55 °C).

Analog dazu sollten diese Maßnahmen auch für dezentrale Trinkwassererwärmungs-Anlagen wie z.B. Frischwasserstationen, Durchlauferhitzer oder Untertischgeräten durchgeführt werden.

War die Trinkwasser-Installation länger als sieben Tage stillgestanden?

Die Richtlinie VDI 3810-2/VDI 6023-3 schreibt bei länger als sieben Tagen anhaltendem Stillstand einen vollständigen Wasseraustausch an allen Entnahmestellen durch Spülung mit Wasser nach DVGW W 557 (A) vor. Dort wird im Abschnitt 6.3. beschrieben, dass in dem zu spülenden Abschnitt der Trinkwasser-Installation in der Leitung mit dem größten Durchmesser mindestens eine Fließgeschwindigkeit von zwei m/s erreicht werden muss. Dazu müssen gleichzeitig so viele Entnahmestellen geöffnet werden, dass ein ausreichender Volumenstrom fließt, um die geforderte Strömungsgeschwindigkeit von zwei m/s in der Leitung mit dem größten Durchmesser zu erhalten.

Bei einer Spülung werden im Gegensatz zum sog. Wasseraustausch auch Strahlregler oder Duschköpfe, die die Fließgeschwindigkeit verringern können, an den Entnahmestellen entfernt.

Es empfiehlt sich, die Spülvorgänge innerhalb der Installation von unten nach oben im Gebäude durchzuführen, da sich hierdurch der Zeitbedarf in den oberen Etagen reduziert. Ebenso sollte zuerst die Warmwasserseite, danach die Kaltwasserseite geöffnet werden. Eventuell vorhandene Verbrühschutz-Vorrichtungen sollten für die Dauer der Spülmaßnahmen deaktiviert werden, damit die Warmwasserseite voll geöffnet und bis zur Temperaturkonstanz gespült werden kann.

Nach Betriebsunterbrechungen länger als vier Wochen

Sind seit der Anlagenstillegung mehr als vier Wochen vergangen, wird empfohlen, zusätzlich zu den beschriebenen Spülmaßnahmen auch mikrobiologische Kontrolluntersuchungen gemäß TrinkwV durchzuführen, um nachteilige Veränderungen der Trinkwasserqualität auf Grund der andauernden Stagnation ermitteln zu können.

Hierbei werden neben der allgemeinen Keimzahl bei 22 °C und 36 °C auch Escherichia coli, coliforme Bakterien und Legionellen sowohl im Kalt- als auch im Warmwasser kontrolliert. In öffentlichen Anlagen muss zusätzlich das Kaltwasser auf das Vorhandensein von Pseudomonas aeruginosa beprobt werden.

Besondere Achtsamkeit ist bei gefährdeten oder in bereits vor Corona auffälligen Trinkwasser-Anlagen gefordert!

Hatte eine Trinkwasser-Installation bereits vor der Stilllegung mikrobiologische Auffälligkeiten wie z.B. Befunde auf Legionellen, ist natürlich auch auf die Sicherheit des Spül-Personals zu achten. Immerhin bewegen sich diese während der Bedienung der Armaturen mitten im potentiell krankheitserregenden Sprühnebel des stagnierenden Trinkwassers! Diese Personen sollten also mindestens bakteriendichte Gesichtsmasken (also nicht selbstgenäht) tragen und nicht bereits anderweitig gesundheitlich angeschlagen sein.

Sollten während der Inbetriebnahme-Prozedur die vorgegebenen Temperaturen nicht erreicht werden, oder andere Parameter auf technische oder betriebstechnische Mängel in der Installation hinweisen, so ist es ratsam, umgehend die Ursachen dafür zu ermitteln und zu beheben.

Auf der sicheren Seite

Kein Betreiber möchte für die Verletzung seiner Verkehrssicherungspflichten zur Rechenschaft gezogen werden, weil er aus Unwissenheit über den mikrobiologischen Zustand seiner Trinkwasser-Installation die Gesundheit von Nutzern und Bewohnern gefährdet hat.

Durch die Sicherstellung des bestimmungsgemäßen Betriebes und ein durchdachtes Vorgehen bei der Wieder-Inbetriebnahme inklusive einer Beprobung zum Nachweis einer hygienisch einwandfreie Beschaffenheit des von ihm abgegebenen Trinkwassers begibt sich der Betreiber auf die sichere Seite der rechtlichen Vorgaben und normativen Anforderungen und kann somit nach der Krise ruhigen Gewissens in den Normalbetrieb übergehen.

Quelle: Fachpublikation DVQST

www.dvqst.de

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